Vier Uhr am morgen. Wir müssen früh los um nicht in der Mittagshitze zu verbrennen. Um 5 Uhr wollen wir am Wandfuss sein. Mit Stirnlampen tappen wir über die ausgetretenen Wanderwege des Nationalparks. Doch wir finden den Wegweiser nicht. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wo er vor zwei Jahren gestanden hat. Viel zu weit laufen wir auf das Plateau und gehen dann querfeldein zum Einstieg. Das kostet Zeit und Kraft, denn der Weg geht über hohe Felsstücke und Geröllfelder. Eigentlich wollten wir jetzt schon die ersten Seillängen klettern. Später stellen wir fest, dass irgendwelche Idioten den Wegweiser abgerissen haben.

Dadurch sind wir deutlich später am Einstieg, um  5:24h geht es los.

Vor dem Einstieg bereitete sich eine Seilschaft aus Tschechien vor, die uns fragte, ob wir schnell kletterten. Erst wollte ich nicht vor, als sie dann aber noch mal fragten, bin ich doch auf das Angebot eingegangen und vorgestiegen, auch wenn das bedeutete, die anderen im Nacken zu haben und sich beeilen zu müssen. Irgendwie hatte die erste Seillänge dann etwas von Speedclimbing. Aber besser, als noch länger warten zu müssen und ggfls. an den Standplätzen wieder zu warten.

 

 

 

 

1. Seillänge 5b

Zum wach werden und dann auch noch brüchig. Manchmal sind die vermeintlich leichten Routen die schwierigen. Eine saubere 7 mit klarer Vorgabe wäre mir lieber. Von unten ist der Routenverlauf nicht eindeutig zu sehen und die Hakenabstände sind weit auseinander. Ich gehe die Route locker durch und folge den Schuppen, die zum ersten Standplatz führen. Dort sortiere ich das erste Mal mein Material, da ich unten mir zu wenig Zeit genommen hatte. Holger steigt souverän nach und die nächste Seilschaft steigt schon ein, als er erst am zweiten Haken ist und erhöht damit den Druck. Kein gutes Gefühl.

2. Seillänge 4a

Offenbar bin ich gar nicht so schlecht geklettert, denn der Vorsteiger der anderen hat deutlich Probleme und flucht vor sich hin. Die erste Seillänge ist schon nicht ohne und sagt einem, dass da noch einiges kommt.

Die 2. Seillänge führt erst einmal nach rechts über ein Band und man sollte so weit wie möglich nach rechts laufen. Hier ist es gut abgesichert, schon nach wenigen Metern kommt der erste Haken, als es dann aber nach oben geht, wird der Hakenabstand immer weiter und die 4a erscheint deutlich schwerer.

3. Seillänge 4c

Die 3. Seillänge geht dann klettertechnisch besser. Endlich vernünftige Griffe und eine gut sichtbare Linie. Erst im oberen Teil, bevor man auf die erste der beiden „Spitzen“ des vorgestellten Brockens kommt, wird mir klar, warum auf dem Plan die Route so merkwürdig eingezeichnet wurde. Man geht nicht nach außen auf den Brocken, sondern der Standplatz befindet sich in einem breiten Riss zwischen Brocken und Felswand. Dort ist es dafür dann so breit, dass man bequem Pause machen und die Schuhe ausziehen kann. Als Holger dann kommt, sind wir guter Dinge. Leider können wir weder den nächsten Haken, noch den Routenverlauf erkennen, und müssen ersteein wenig knobeln, bis wir bemerken, dass es nun wieder um die Felsnase herum nach außen geht und auf der Vorderseite nach oben.

4. Seillänge 4b

„Nur“ eine 4b, aber keine Sicherungen in Sicht. Die Hakenabstände sind groß und die Richtung der Route kann ich nur erahnen, immer wieder checke ich meinen Plan, um keinen Fehler zu machen. Schließlich laufen hier ein halbes Dutzend Routen vorbei und es wäre fatal, in die Falsche zu geraten. Das erste Mal kommt mir der Gedanke nach dem „besser Abseilen“ und „warum bist du eigentlich hier“. Das alles kostet unbändig viel Zeit und später am Tag wird es erbärmlich heiß. Zeit ist was uns am meisten fehlt. Die Felsnadel auf der wir derzeit laufen ist nur am eigentlichen Fels angelehnt und klafft im oberen Teil schon einen Meter von der Wand weckt und kippt deutlich nach außen. Irgendwie ertappe ich mich bei dem Gedanken, was wohl passiert, wenn dieser Wandteil ausgerechnet jetzt nach außen umfällt. Jeder Statiker hätte ein Gebäude mit dieser Neigung längst abreißen lassen. Man übersteigt die erste Spitze muss dann ein paar Meter nach unten laufen um dann die zweite Spitze in Angriff zu nehmen. Aber ich bin völlig irritiert. Keine Haken, die den Verlauf anzeigen könnten in Sicht. So gibt es drei Möglichkeiten. Außen an der Felskante entlang, über die Felskante oder innen durch den Riss. Fünf Meter über mir klemmt ein Felsblock. Ich schaffe mich in den Körperriß, komme aber durch das Gerödel an meinem Gurt nicht vernünftig hinein. Beim drehen drücke ich die Plastik-Materialkarabiner auf und mein Reverso-Tube mit Karabiner verschwindet mit Gepolter in den Tiefen des Risses. Der Riss zieht sich sicherlich 20 Meter nach unten und verjüngt sich. Da nachzusteigen wäre nicht nur gefährlich, sondern auch nicht sinnvoll. Und schließlich kann ich auch mit HMS sichern. Beat Kammerländers Tipps in der „Klettern“, die ich erst ein paar Tage vorher las, kamen mir in den Sinn: Immer einen Ersatztube dabei haben. Recht hat er!

Ich schaffe mich nach oben, eine echte Schinderei und das soll 4b sein, greife den querhängenden Felsblock, ziehe mich über die Kante und sehe einen Ring und Haken. Ein Standplatz. Schon?
Fein! Ich sichere mich und hole Holger nach. Der zeigt mir dann, dass man die Stelle ganz ohne Risstechnik klettern kann. Aber von oben gesichert ist das auch wieder ein anderes Gefühl. Abgesehen davon liebe ich Körperrisse 🙂

Der Standplatz ist gut und ich klettere weiter bis zur zweiten Spitze des Felsens. Das sind nur wenige Meter und schon wieder ein Standplatz ein paar Meter links unter der Spitze. Irgendetwas ist hier faul. Holger kommt nach und muss die letzten Meter ohne Zwischensicherung nach unten klettern. Man kann sich an der Schuppe am Boden festhalten und nach unten wandern.

Jetzt hängt über uns ein Haken, wenn ich auf die oberste Spitze des Felsens steige und mich weit strecke, kann ich clippen. Aber danach ist die Wand bis auf einen kleinen Riss glatt und der Plan sagt wir müssen schräg nach rechts. Ich probiere es, aber gefühlt ist das eher eine 8 oder 7+. Das kann nicht sein. Wieder zurück und rechts geschaut. Aber auch da kommt nichts. Ich will schon losklettern, als ich doch noch einmal den Plan zu Rate ziehe. Wir diskutieren und erkennen den Fehler. Der Plan sagt eindeutig, dass die Route RECHTS unterhalb der Felsspitze weiter geht und auch dort der Standplatz ist. Ich nehme die Sicherung wieder heraus und klettere auf die Felsspitze zurück und tatsächlich, ich sehe einen Haken weit rechts oben, quasi schon um die nächste Kante herum. Ich klettere nur wenige Zentimeter um die Kante und finde den Standplatz. So ein Schei…Ein paar Flüche später verständige ich mich mit Holger, dass er den jetzigen Standplatz hält und ich weiter die Route verfolge. Noch einmal umbauen würde nur noch mehr Zeit kosten. Hoffentlich ist der Seilverlauf später nicht unglücklich und ich muss das Seil schwer zerren. Nachdem ich den nächsten Haken geklippt habe, klettere ich ein Stück zurück, um die letzte Exe herauszunehmen, nun ist der Seilverlauf günstiger.

5. Seillänge  5b

Hier weist der Kletterführer mehrfach darauf hin, dass man aufpassen muss, nicht die falsche Route einzusteigen. So bin ich hochkonzentriert und versuche die weitere Linie zu finden. Und tatsächlich gibt es überall Haken, die auch in Routen stecken, die kletterbar erscheinen. Aber ich weiß, unsere Route quert die Wand nach rechts sehr weit und so komme ich am rechten Rand an einen Riss. Wieder war es nur spärlich gesichert, aber so langsam gewöhne ich mich an Hakenabstände von 8 Metern und mehr.

Den Riss arbeite ich mich langsam nach oben. Piazzen oder Griffe außen suchen. Ich piaze und da auch noch alte, rostige Haken in der Wand stecken, nehme ich jede Sicherung mit. Besser ein alter Haken, als keiner. Sollte er im Sturzfall ausreißen, war es zumindest besser wie nichts.

So sieht später vom Standplatz die Route aus, wie die in einer Kletterhalle, alle Meter eine Exe, auch wenn es nur 3 oder 4 neue Haken hier gibt.

Der Standplatz ist dann mal ein echter, hängender und da Holger aufgrund der Länge unseres Umweges und der Tatsache, dass er als Nachsteiger nun im ersten Teil ein ziemliches Stück fallen würde, eine echte Herausforderung für meine Füße. Verkrampft hänge ich im Stand. Der Verlust des Tubes trifft mich dabei umso härter, haäte ich ihn hier gut und sicher einsetzen können und muss nun das 70 Meter Seil mühsam durch den HMS ziehen. Gut, dass wir kleine Funkgeräte dabei haben und uns verständigen können. Rufend kann man hier den Nachsteiger nicht mehr erreichen.

6. Seillänge 6a+

Crux Velebitaski Anica kuk

Wieder vereint am Standplatz schauen wir uns von unten die Schlüsselroute an. Vier Meter über uns gibt es ein kleines Dach, dass links umklettert wird. Vor der Nase hängt eine ab geknotete Schlinge aus der Wand. Vielleicht eine Zusatzsicherung? Wenn wir diese Schlüsselstelle schaffen, das ist uns beiden klar, haben wir die ganze Route im Sack. Die Meter bis zum Überhang lassen sich wieder gut piazen und ein paar alte Haken geben zusätzlich Sicherheit. Ich will hier unbedingt nicht technisch hinauf, ich will auch nicht ins Seil oder auch nur im Seil sitzen. Diese Seillänge will ich klettern, ohne Pause, onsight.

Ich komme unter das Dach, ein guter Haken begrüßt mich, Untergriffe und ein schmaler Riss für dünne Finger weisen den Weg nach links. Die Bandschlinge im Riss scheint als Steighilfe benutzt zu werden, denn einen weiteren Haken braucht man an dieser Stelle nicht. Ich bekomme die Felsnase zu greifen, die Füße weit nach links, schaue in den Riss dahinter – mehrere Bandschlingen in geschlagenen Haken helfen dem, der hier verzweifelt. Ich will sie nicht, brauche sie nicht. Greife links nach oben. Ziehe mich hoch. Das sieht jetzt nicht schön aus. Klettere mit allem was ich habe. Knie, Bein, klemmen, keilen. Ich bin auf der Felsnase und sitze quasi auf ihr, noch bin ich nicht durch, im Riss gibt es wenige Griffe, wie Betonbrocken, leider ziehen sie in die falsche Richtung. Ich halte, kämpfe, ziehe – und bin durch. Ich schreie, fluche, jubiliere. Adrenalin pur durchströmt mich. Ich fühle mich stark, bärenstark. Auch wenn mir bewusst ist, dass bessere Kletterer hier vielleicht mit zwei, drei Zügen drüber hinweg gehen. Ich bin nicht abgetropft, habe die angebotene Hilfe ausgeschlagen. Sieg!

Ich schnaufe und grunze wie ein Walross. Pausiere, chalke, merke schon am nächsten Griff, dass es noch nicht geschafft ist. Zu früh gefreut. Weiter kämpfen. Den Riss nutzen, Schuppe für Schuppe bis zum nächsten Standplatz, der genial liegt. Ein kleines Plateau, sogar mit Kante, damit nichts herunterfallen kann, direkt am Einstieg ein uralter Baum, ein Bonsai mitten im Fels.

Ich bin gesichert, schnaufe, atme, freue mich unendlich, Bin durch. Wir schaffen den Rest nun ganz sicher. Holger muss nun warten. Schuhe aus, trinken. Von den 2 Litern Wasser, die ich in vier Plastikflaschen mitschleppe, ist erst eins getrunken. Sparsam sein. So langsam wird es richtig heiß. Einen halben Müsliriegel. Ein paar Fotos, eine SMS weil Nadja sich Sorgen macht und bestimmt beruhigt ist, wenn sie weiß, dass nun nur noch einfache Seillängen kommen.

 

Pause. Seil einziehen, einhängen, HMS Sicherung. Ich sitze vor der Hauptsicherung und kann mich während des sicherns meinen Gedanken hingeben. Der alte Baum direkt vor mir. Seine uralte Rinde, Teile der Äste sind abgestorben, der Rest kämpft Tag für Tag ums überleben. Dahinter die Weite des Tals der Paklenica Berge. Wanderer unten auf dem Weg, eine Wiese mit einem aus Steinen gelegten Kreis mit einem H in der Mitte, als Notlandeplatz für den Rettungshubschrauber. Atmen, Seil einziehen, Sicherung überprüfen, die eigenen Handgriffe beobachte ich mit Argusaugen und überprüfe mich dabei selbst. Jetzt hängt Holgers Leben an meiner Konzentration. Ich bin müde. Nichts auf dieser Welt ist wichtig. Nur atmen, Karabiner, sichern, konzentrieren, Seil sortieren.
Ruhe kommt über mich. Die Ruhe der Welt. Es gibt keine Probleme. Keine Arbeit, keine Eurokrise, kein Krieg. Es gibt nur uns, das klettern, das Sichern. Keine Fehler machen. Ruhe und Frieden. Genießen. Weite. Warum kann das Leben nicht ewig so weiter gehen?

Holger schafft die Tour und kommt nass aber zufrieden am Standplatz an. Wenig reden wir.
Trinken, sortieren, essen. Wir wissen, dass wir hinter unserem Zeitplan sind.
Mathias, ein Freund vom Campingplatz hat sich als Sherpa für uns angeboten, wird uns Wasser und Verpflegung zum Gipfel bringen, war eben im Tal vorbei gelaufen und Holger hat ihn erkannt und angerufen – über hunderte Meter hinweg. Braver Mann. Im Bewusstsein am Gipfel tropische Temperaturen vorzufinden, ist Mathias nun unser Rettungsanker. Trotzdem bleiben wir sparsam mit unseren Vorräten. Aber er ist zu früh, oder besser wir zu spät. Der arme Kerl wird viel früher am Gipfel sein, wie wir. Noch 5 Seillängen.

Also packen wir und weiter geht es.

7. Seillänge 5a

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt, aber zu glauben, es würde leichter werden erwies sich als Trugschluss. Wieder geht es über einen Riss und wieder sind die Hakenabstände weit, doch mittlerweile ist mir das egal. 6 oder 8 Meter. Der Sturzraum ist gut und ich habe Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Im Zweifel klemme ich mal ein Knie eine Spalte. Zum halten ist alles erlaubt und ich muss keinen Schönheitspreis gewinnen. Hoch kommen ist das Ziel.

Die letzten Meter werden flacher, und ich hänge lieber außen an den Schuppen und hangele nach oben, als mir die Knie an den immer schärfer werdenden Rillen aufzureißen.

8. Seillängen 3a

Es gibt eine Art von Kletterei, die ich nicht leiden kann. Sehr flache Wände und dann Reibung. Ich hatte die Schuhe gegen meine bequemeren Kletterschuhe ausgetauscht. Ein Fehler. Die 3a erscheint mir schwerer als die 5a vorher. Ich fluche, kämpfe mich vorwärts. An manchen Stellen komme ich mir vor, als reite ich einen Drachen und habe seinen Kamm genau zwischen den Bein. Abzurutschen würde ganz ordentlich auf die Ei.. gehen. Noch dazu ist die Seillänge lang und Haken nicht vorhanden. Vor dem Standplatz kommt man hinter die gewaltige Nase vor der Anica Kuk. Diese Nase hängt nicht, wie es von unten scheint, fest am Hauptmassiv, sondern hat an dieser Stelle einen 30 Meter hohen Höhlendom, in den die Route nun hineinführt und sich der Standplatz befindet.

Ich halte mich nicht mehr lange mit Sicherungen auf, will nur noch die blöde 3a hinter mir haben.

 

9. Seillänge 4a

Jetzt geht es aus der Höhle heraus, wieder auf die Hauptplatte. Die Route ist nur schwer von unten zu entdecken, geht links am Standplatz nach oben und man sollte versuchen weit nach außen zu klettern, da wird es einfacher und anschließend immer nur die Haken ansteuern. Irgendwo setze ich einen 1er Friend, hänge blöde in einer Spalte, erst nach dem ich mich sicher wähne, sehe ich rechts außen den rettenden Fußtritt. Dort ist die Tour dann plötzlich einfach. In den ersten Metern ist der Sturzraum bescheiden und man sollte eng sichern, was bei den weiten Hakenabständen schwer ist oder einfach nicht fallen. Aus der Höhle heraus ist die Route wieder nicht zu erkennen. Keine Haken weisen den Weg. Und überhaupt fehlen Haken. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Sicherungen überflüssig sind. Schon gar nicht in einer 4a mit einigen hundert Meter Luftraum unterm Arsch. Lächerlich. Statt mich zu ärgern, beeile ich mich lieber und komme nach einer langen Route am vorletzten Standplatz an. Holger folgt und ich höre immer wieder seine leeren Wasserflaschen aneinanderschlagen, was sich ein wenig wie Kuhglocken anhört.
Dann ist er bei mir und wir fluchen ein wenig gemeinsam, freuen uns so weit zu sein und bedauern Sherpa Mathias, der sicher schon lange am Gipfel wartet.

10. Seillänge 4a

Noch einmal das gleiche Spiel. Wieder eine lange Route. Ohne Sicherungen. Die Richtung ist klar. Nach oben. Zumindest gibt es vernünftige Griffe und eine erkennbare Linie. Irgendwann erreiche ich einen Abseilpunkt, an dem vier rote Haken nebeneinander in der Wand kleben, laut Plan soll oberhalb der Standplatz sein. Bis dahin habe ich auf den 30 Metern eine (!) Sicherung gehabt. Warum wir überhaupt noch Standplätze bauen, frage ich mich erst am nächsten Tag. Wir hätten einfach als Seilschaft laufen sollen und immer mal eine Sicherung nutzen können. Das hätte immens Zeit gespart. Aber wir kennen die Route nicht und der Weg ist nicht eindeutig. Merfach schlage ich die falsche Richtung ein.

Zwei Meter links über dem Abseilstand ist ein Haken. Na prima. Danach kommen wieder Drachenrücken. Rillen, aber kaum Griffe. Ich wechsele die Schuhe. Da will ich lieber wieder volle Reibung spüren. Es geht besser, wie erwartet. Rechts, weit über mir, erspähe ich unterhalbe eines Überhangs eine Bandschlinge. Da hat wohl jemand sich einen eigenen Weg gesucht. Ich überlege dorthin zu gehen, da ich den Standplatz immer noch nicht sehe. Ich suche und suche.

Irgendwann gebe ich auf und baue an einer Sanduhr einen Standplatz. Der 2er Friend gibt die Zusatzsicherung. Holger folgt. Wir sind müde und langsam wird es Zeit. Es ist 12.47 Uhr. Wir sind seit 7 Stunden in der Wand. Mit 5 Stunden hatten wir gerechnet. Und wir sind noch nicht oben.

11. Seillänge 4b

Noch einmal Drachenrücken, Risse unter Dächer. Mit dem ganzen Körper verspreize ich mich darin. Klemme, fluche, keine Sicherung. Lege an einem Riss endlich mal den 4er Friend, klettere bis zum Baum am Ausstieg. Den nutze ich für eine letzte Sicherung, da ich keine Bandschlingen mehr habe, müssen mehrere Exen aneinander um den Baum geschlungen werden. Die Sonne erreicht uns nun, schnell steigt die Temperatur über 40 Grad in der Sonne, ich zerre 50 Meter Seil hinter mir her. Ich muss ziehen wie ein Stier, das Seil läuft nicht und ich fluche und schreie „SEIL – SEIL“.  Komme den letzten Meter des Seilzugs wegen nicht über die allerletzte Kante. Da kommt mir Mathias entgegen und hilft ziehen. Ich bin oben.

Baue einen letzten Standplatz und gemeinsam holen wir Holger nach.

Um 13.20 sind wir am Gipfel und genießen die Aussicht.

Wir sind oben, haben 350 Meter geklettert. Für uns eine echte Herausforderung. Stolz und zufrieden machen wir uns an den Abstieg. An eine Frau, die aus einer anderen Route kommt, vergebe ich noch eine halbe Flasche Wasser. 1 ½ Flaschen hatte ich übrig. Es hätte für den Abstieg gereicht. Aber dank Mathias müssen wir nicht sparen.

12. Abstieg.

In der prallen Sonne wandern wir über einen schlechten Pfad, der den Namen Weg nicht verdient nach unten. Von Fels zu Fels springen, hüpfend, kriechend. Im Vergleich war der Aufstieg ein Spaß. Wir brauchen am Ende drei (!) Stunden um wieder am Parkplatz zu sein. Vielleicht hätten wir besser abgeseilt. Zumindest wären wir im Schatten gewesen. Gut dass Mathias viel Wasser für uns dabei hatte. Im Sommer sollte man es sich ohne Verpflegungsteam sehr genau überlegen, ob man die Tour macht. Oder schon ein paar Tage vorher Wasser dort deponieren.

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